Vronzenheimat

Völklingen, Rassismus und Afrika

„Wer Völklingen kennt, dem gefällt’s überall“, hat mein Politiklehrer in der 9. Klasse einst gesagt. Und so ist es: Egal, wo ich hinkomme, ich kann mich meist sehr schnell für das Neue, das Besondere, das Schöne dort begeistern. Denn: Völklingen kämpft (immer noch) mit seinem 1993 erworbenen Titel „Hässlichste Stadt Deutschlands“. Ihr könnt das gerne mal bei Google eingeben und auf Suchergebnis-Platz 8 achten (Stand August 2020).

Völklingen: Der missglückte Strukturwandel

Völklingen galt, wenn man den lokalen Mären glauben möchte, im Zeitalter der Industrialisierung als das Herz Europas. Zumindest in seiner Rolle als (zeitweise) größter Eisenproduzent Deutschlands war die Völklinger Hütte fast ein Jahrhundert lang wirtschaftlich gesehen der wichtigste „Player“ in der Gegend. Röchling und seine Hütte war Arbeitgeber zahlreicher Bergmänner – aber eben auch Unterstützer der Hochrüstung im Deutschen Reich. Wie viele andere Großindustrielle „durfte“ auch Hermann Röchling, Sohn des Gründers Carl Röchling, im Nazi-Deutschland wichtige Ämter begleiten und nicht zuletzt seine Kassen damit füllen. Mit diesem Teil der Völklinger Stadtgeschichte setzt sich die Presse bis heute fortwährend auseinander.

Den Strukturwandel – weg von der „alten Hüttenstadt“ hin zu einer modernen Mittelstadt mit einem starken Selbstbewusstsein und zukunftsfähigen Unternehmen – haben wir Völklinger irgendwie nicht geschafft.

Heute sieht sich die Kernstadt mit Leerstand und den Konsequenzen der Einwanderung der Gastarbeiter-Generation konfrontiert. Der Ausländeranteil in der Innenstadt liegt bei knapp 30 Prozent, die AfckD bekam bei der letzten Wahl im Jahr 2019 knapp 10 Prozent. Böse Zungen sprechen, wenn die Rede von Völklingen ist, gerne von „Türk-lingen“ oder noch schlimmer „Klein-Istanbul“. Positiv ausgedrückt will ich damit sagen: Als Völklinger Mädche bin ich an ein Stadtbild gewöhnt, dass bunt und vielfältig ist.

Rassismus: Die Auseinandersetzung hinterlässt Spuren

Mich bewegt die Auseinandersetzung mit Rassismus tief. Durch den „PR-Hype“ um den Tod von George Floyd wurde mir einiges an Literatur, Dokumentation und Meinung in meine Twitter-, Instagram- und Facebook-Feeds gespühlt. Auf Spotify angehört habe ich mir:

In diesen Werken legen die Autorinnen den Fokus auf rasssistische Erfahrungen von Persons of Color (PoC). Beim Zuhören habe ich, weil man ja mit irgendwas anfangen sollte, meine Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Alltags-Rassismus und den Gegebenheiten meiner Heimatstadt reflektiert.

Ich kann nur jedem die Empfehlung weitergeben, sich zumindest mit diesen (Hör-)Büchern auseinanderzusetzen und möchte mich inhaltlich sonst gar nicht groß äußern oder Dinge vorweg nehmen. Nur eins – und das aus vollem Herzen: Ich finde es großartig, dass die Menschheit so vielfältig ist, wie sie ist. Wie öde wäre bitte unser Planet, wenn dort nur Almans lebten? „Hallo, Guten Tag, haben Sie schon die Straße gefegt?“ – bitte nein!

Letztendlich bin ich mir bewusst, dass ich diese Haltung aus einer privilegierten Situation heraus einnehmen kann. Ich bin zwar eine Person mit Gebärmutter (und werde deswegen auch gesellschaftlich diskrimiert), aber ich bin auch eine Person mit einem soliden familiären Rückhalt, der mir nicht nur den Zugang zur höheren Bildung ermöglichte, sondern auch zahlreiche Reisen und Auslandsaufenthalte. Der eindruckstvollste liegt nun mittlerweile zehn Jahre zurück und hat mit Sicherheit auch zu meiner aufgeklärten Haltung beigetragen: mein Praktikum an der Deutschen Botschaft in Pretoria.

August 2010: Kurz nach der Ankunft in Pretoria

Afrika: Erinnerungen wachhalten und erneuern

Zehn Jahre nach diesen unvergesslichen drei Monaten in Südafrika holt mich der Kontinent wieder ein. Nicht nur die erneute Auseinandersetzung mit der Rassismus-Debatte, auch meine Urlaubsplanung und meine Heimatstadt setzen afrikanische Akzente in das turbulente Jahr 2020.

Ob wir unsere (ursprünglich für Mitte/Ende März) geplante Überlandreise von den Victoria Wasserfällen bis nach Tanzania im November tatsächlich antreten, steht noch in den Sternen. Umso schöner, ein bisschen „Afrika“ im eingangs doch eher tristen geschildereten Völklingen erleben zu können. Wo Schatten ist, da muss auch Licht sein. Ein Lichtblick ist die Ausstellung „Afrika – im Blick der Fotografen„.

Die heutigen Diskurse über Afrika und die Vorstellung des afrikanischen Alltags sind vielfältig. Vielfältig gespeist aus einer westlich geprägten Sichtweise, die den schwarzen Kontinent mit allerlei Klischees tag- und alptraumhaft beladen. (…) Afrika neu zu denken und vor allem zu erzählen ist das Leitmotiv der beteiligten Fotografen.

Beschreibung auf der Infotafel in der Ausstellung „Afrika – Im Blick der Fotografen“ – bis 1.11.20 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Besonders gut gefallen haben mir die Bilder von Ilan Godfey. Vielleicht weil er ein südafrikanischer Fotograf ist, vielleicht weil er in meinem Kopf die Verbindung der dortigen (Gold-)Minen-Arbeiter mit den Erzählungen „von früher“ aus meiner Heimatstadt geschaffen hat. Am Ende des Tages ist es Kunst und die darf doch (meistens) bleiben – oder? Denn ob Fotografie, Musik, Malerei, Tanz oder sonstige Manifestationen von Kultur schaffen eins besonders gut: Sie bringen uns zusammen.

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